6. November 2008

Was wird aus dem F-Wort?

In letzter Zeit ist wieder ein Thema aktuell geworden, dass schon erledigt schien: Der Feminismus. Plötzlich wurden wieder feministische Bücher herausgebracht, man diskutierte über Frauenthemen und war sich einig, dass es den Frauen natürlich nicht so schlecht gehe, aber dass noch längst nicht alles perfekt sei. Zudem hatte man nun ein neues Problem gefunden: Die Jungs. Jene nämlich, die in Kindergarten und Grundschule fast ausschließlich von Frauen sozialisiert werden (und denen auch häufig daheim ein Vater als männliche Bezugsperson fehlt), die dann verhaltensauffällig werden und mit den klugen, fleißigen und ordentlichen Mädchen nicht mehr mithalten können. Und das kluge, fleißige Mädchen, das an Schule und Uni erfolgreicher ist und bessere Soft Skills hat? Das scheitert dann später an der gläsernen Decke, und wenn sie es doch schafft, na, dann hat sie sich eben hochgeschlafen. Ja, natürlich spitze ich zu, aber man sieht: Die Geschlechterfrage ist noch lange nicht erledigt.
Und die JuLis? Wir JuLis finden natürlich, dass wir die beste Lösung haben: Keine Quote, dafür Förderung. Keine Gleichmacherei, dafür Chancengleichheit. Und feministische Ideen scheinen verpönt, weil man sie erstmal mit Quoten, Binnen-I und Gleichmacherei verbindet. Aber ist Feminismus nicht mehr als das? Und ist er mittlerweile nicht auch vielfältiger und weniger verbissen? Ist es nicht sowieso an der Zeit, diese alten Vorurteile hinter sich zu lassen und über eine neue Definition des Feminismus nachzudenken? Wir JuLis sollten dies leisten können, es scheint zu unserer Grundeinstellung zu passen. Aber ist der große Männeranteil kein Hindernis, da Feminismus nun mal ein Frauenthema ist?
Dazu will ich zwei Anmerkungen machen: Zum einen sollte man sich klar machen, dass der Feminismus heute nicht mehr gleichbedeutend mit Alice Schwarzer und den Ideen der 70er Jahre ist. Schwarzer hat sich in ihrer Zeit verdient gemacht, aber es waren absolut andere Probleme damals: Frauen waren ganz offen und laut Gesetz schlechtergestellt, von ihren Ehemännern in jeder Hinsicht abhängig, sie hatten kein Recht auf Abtreibung und sexuelle Gewalt in der Ehe konnte gut mit den „ehelichen Pflichten“ gerechtfertigt werden. Wenn Schwarzer im „kleinen Unterschied“ (von 1975) beschreibt, dass sich damals Frauen in Gruppen selbst und gegenseitig untersuchten, um ihren Körper überhaupt erst kennen zu lernen, kann man ahnen, welche andere Ausgangslage der damalige Feminismus hatte.
Heute liegen die Dinge natürlich anders. Frauen sind per Gesetz gleichgestellt, sie genießen eine gute Ausbildung und müssen nicht verheiratet sein, um irgendwelche Rechte zu haben. Die Probleme heute sind subtiler und schwerer zu erkennen (und werden deswegen wohl auch gern verleugnet). Über Probleme wie den unterschiedlichen Verdienst und die geringe Zahl von Frauen in den obersten Chefposten wird bereits gesprochen. Wir (und ich sage wir, da es die meisten Frauen genauso betrifft) sind jedoch immer noch gedanklichen Strukturen verhaftet, die ganz und gar nicht den Ideen der Gleichberechtigung entsprechen. Es sind Kleinigkeiten wie abfällige Bemerkungen übers „Hochschlafen“, wenn eine (gutaussehende) Frau einen guten Posten erreicht hat. Es ist allgemein gesagt ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber erfolgreichen Frauen. Tenor ist: Die natürliche Sache ist, dass Männer Karriere machen und Erfolg haben. Eine Frau muss sich für die gleiche Karriere, das gleiche Geld, den gleichen Posten weit mehr anstrengen und beweisen. Wer sich mit Frauen in guten Berufen unterhält, wird dies immer wieder bestätigt finden.
Zum anderen möchte ich Männer, die heute den Feminismus als erledigt sehen, darauf hinweisen, dass die Frage nach den Geschlechterrollen keineswegs erledigt ist, sondern dass es vielleicht gerade erst losgeht: Nämlich mit der Frage, welche Rollen die Männer zukünftig haben werden und sollen. Die Rolle der Frauen kann sich nicht ändern, wenn gleichzeitig diejenige der Männer unverändert bleibt. So liegt es auch im Interesse der letzteren, sich jetzt darüber Gedanken zu machen.
Wir sollten uns, gerade wenn wir politisch interessiert und aktiv sind, immer mal wieder Gedanken darüber machen, wie wir zu Fragen, die auch die Geschlechterverhältnisse betreffen, stehen. Ich denke nicht nur an die offensichtlichen wie das Feld der Familienpolitik, nein, auch wenn beispielsweise über eine Verschärfung des Abtreibungsrechts1 (das in Deutschland sowieso bereits restriktiver ist als in anderen europäischen Staaten) diskutiert wird, gibt mir das schwer zu denken. 
Wer sich zu feministischen Ideen bekennt, der wird gern immer noch als hysterische Emanze abgestempelt, die die Dinge halt zu eng sieht, sich auf anderem Wege nicht durchsetzen kann und wahrscheinlich Haare unter den Achseln oder einfach zu wenig Sex hat (so meinte das mal ein Kommilitone von mir, als ich mich mit ihm über Sinn und Unsinn von Gender Studies und geschlechtsneutralen Formulierungen unterhielt).
Aber keine Angst: Nicht alle, die sich als Feministinnen bezeichnen oder denen eine Gleichberechtigung am Herzen liegt, wollen Männer entrechten, gleichschalten oder kastrieren.
Es geht viel eher darum, anzuerkennen, dass Frauen durchaus noch einen guten Grund haben, sich über Missstände zu beschweren und darauf hinzuwirken, dass diese behoben werden. Dieses Recht sollte jeder Gruppe gleichermaßen zustehen – oder hat es jemals einer geschafft, streikenden Arbeitern ein mieses Sexleben zu bescheinigen?

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