8. Juni 2008

Bild dir deine Meinung!

Es ist wieder soweit. Die schwarz-rot-goldenen Massen strömen singend zum Public Viewing, feiern zusammen mit Menschen unterschiedlichster Nationalitäten in den Kneipen der Republik, die EM wird zum Sommermärchen 2.0 zelebriert.

Deutschland einig Fußballland? Sicher. Und doch konnte die (Vor-)Freude über die EM nicht über einige Verstimmungen in der deutsch-polnischen Presselandschaft hinwegtäuschen. Die polnische Boulevardzeitung „Fakt“, mit 500.000 Exemplaren Marktführer unter den Tageszeitungen des Landes, zelebrierte das Aufeinandertreffen der beiden Teams auf ihre ganz eigene Art: Michael Ballack mit Pickelhaube aus dem 1. Weltkrieg und einem Umhang der Kreuzritter. Tags darauf gab’s Ballack im Trabi mit dem polnischen Nationalcoach Beenhakker obenauf.

Prompt kam die Antwort von deutscher Seite: „Polen gehen auf Ballack los!“ titelte die Bild-Zeitung. Die Eskalation, die die Medienlandschaft erfasste und bis zur Darstellung geköpfter deutscher Spieler ging, ist pikant. Noch viel pikanter ist aber: Kaum jemand weiß, dass „Fakt“ die Schwesterzeitung der „Bild“ ist. Beide Revolverblätter gehören zur Axel Springer AG.

Tatsächlich ist dieses Zusammenspiel nicht ohne eine gewisse Raffinesse. Die Titelseite der „Bild“ beschäftigt sich mit der Titelseite des Schwesterblatts „Fakt“ und umgekehrt. Man schreibt sich seine eigenen Schlagzeilen. Im Fußball würde man so etwas als Doppelpass beschreiben. Steht Axel Springer damit im journalistischen Abseits?

Vielfach wird das Vorgehen der Verlagsgruppe als „doppelzüngig“ und „niveaulos“ kritisiert. Doch diese Kritik geht an der Realität unserer Medienlandschaft vorbei. Der Wunsch nach mehr journalistischem Niveau und Verantwortungsbewusstsein mag verständlich sein. Klar ist aber, Zeitungsverlage sind in erster Linie Unternehmen. Und als diese denken sie wirtschaftlich, streben nach Auflage und Umsatz. Sie orientieren sich an ihren Kunden, geschrieben wird, was der Leser wünscht und kauft. „Bild“ und „Fakt“ haben dieses System perfektioniert, sie sind nicht ohne Grund Marktführer in ihren Ländern.

Ist dieses Handeln verwerflich? Nicht verwerflicher als das Handeln anderer Unternehmen, die die Bedürfnisse ihrer Kunden erfüllen. Wer der Presse eine besondere Verantwortung für Staat und Gesellschaft abfordert, stellt Konzerne auf eine Ebene mit Verfassungsorganen. Die Presse hat sich an die Regeln des Rechtsstaates zu halten, nicht mehr und nicht weniger.

Wer hingegen bestimmte Darstellungsformen oder „Niveau“ verlangt, verallgemeinert seine individuellen Konsumvorlieben und geht den Weg in Richtung Zensur. Eine offene Gesellschaft braucht auch Medien, die mal danebengreifen. Nur so kommt ein gesellschaftlicher Diskurs darüber zustande, wo die Grenzen journalistischer Darstellungsformen liegen. Durch die Kaufentscheidung am Kiosk kann die Gesellschaft zeigen, was sie an Meinung ablehnt und was nicht.

Das aktuelle Medienspektakel ist auch keine neue Entwicklung. Medien waren stets politisch, wirtschaftlich und kulturell gefärbt. Gerade dieses Nebeneinander verschiedener subjektiver Meinungen ist es doch, was eine pluralistische Medienlandschaft ausmacht. Bild dir deine Meinung – die Auswahl ist vielfältig genug.

Die inszenierte Medienschlacht aus dem Hause Springer mag uns nicht immer gefallen. Aber wenn wir eine freiheitliche Medienlandschaft wollen, gehört auch das dazu.

Lieber Daniel, so sehr ich

Lieber Daniel, so sehr ich dich und deine lust zur Diskussion auch schätze, sind doch einige "Thesen" etwas lustig? "Wer der Presse eine besondere Verantwortung für Staat und Gesellschaft abfordert, stellt Konzerne auf eine Ebene mit Verfassungsorganen. Die Presse hat sich an die Regeln des Rechtsstaates zu halten, nicht mehr und nicht weniger." Es kann ja durchaus sein das den Juristen der Begriff "Berufsethos" nichts sagt, aber genau das trifft auf die Medien zu. Ich kann dir für dieses Beispiel noch andere Berufsgruppen nennen, von denen wir (die Gesellschaft) das verlangen, aber das amchen wir dann im persönlichen Gespräch. "Wer hingegen bestimmte Darstellungsformen oder „Niveau“ verlangt, verallgemeinert seine individuellen Konsumvorlieben und geht den Weg in Richtung Zensur." Wenn ich niveau verlange dann meine ich damit z.b. das Dinge nicht falsch wiedergegeben werden. Das ist richtige Berichterstattung und sowas darf ich einfordern. Dein umkehrschluss müsste ja lauten, je weniger niveau umso weniger Zensur, das ist doch total Banane. "Durch die Kaufentscheidung am Kiosk kann die Gesellschaft zeigen, was sie an Meinung ablehnt und was nicht." Bedingt, Medien tragen ja zur Meinungsbildung bei, insofern obligt ihr eben eine besondere Verantwortung. Zu sagen, Freiheit ist toll, deswegen zählen Werte, Normen und Moralvorstellungen nicht ist natürlich sehr einfach. Und zum Teil muss man dort auch vorsichtig sein, aber eine völlige egalisierung von Werten schadet einer Gesellschaft. Denn dort wo die menschen Freiwillig keine Verantwortung übernehmen wird nach dem Staat gerufen. Den Freiheit geht immer Hand in Hand mit Verantwortung.

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